4. Juni 2019, 20:29

Kampf gegen Atomwaffen

Grenzüberschreitende Proteste aus der Schweiz

Von Christina Wyttenbach

Als die Anschaffung von Atomwaffen auch in der Schweiz zur Debatte stand, organisierte sich die schweizerische Antiatombewegung als Teil internationaler Proteste gegen atomare Aufrüstung.

«Die Atompilze ignorieren die Grenzen und umkreisen den Planeten!» Dieses Zitat konnten Schweizerinnen und Schweizer 1961 im «Bulletin du groupe romand» lesen, dem französischsprachigen Informationsblatt der Atomwaffengegner in der Schweiz. Die «Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung», wie sie sich nannte, umfasste rund 15000 Mitglieder. Sie wehrte sich in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren gegen die Pläne des Militärs und des Bundesrates, die Schweiz mit Atomwaffen aufzurüsten. 

Die Schweizer Atomwaffengegner mobilisierten jedoch nicht nur in der Schweiz selbst gegen Atomwaffen. Einige reisten ab 1959 auch nach England, um dort an Ostern mit Zehntausenden anderen Aktivistinnen und Aktivisten gegen das atomare Wettrüsten der Grossmächte zu protestieren. Das Foto zeigt eine solche Schweizer Gruppe, die 1961 am Ostermarsch in England teilnahm. Es wurde im «Atombulletin», dem deutschsprachigen Heft der Atomwaffengegner, abgedruckt. Auf dem Banner ist die Aufschrift «Switzerland» vom Friedenszeichen der «Campaign for Nuclear Disarmament» (CND) eingerahmt. Die CND war die Antiatombewegung in Grossbritannien. Ihr Zeichen, heute als «Peace-Zeichen» bekannt, wurde zum Symbol der weltweiten Antiatom- und Friedensbewegung. 

Eine Schweizer Gruppe protestiert 1961 am Ostermarsch in England gegen Atomwaffen.

Eine Schweizer Gruppe protestiert 1961 am Ostermarsch in England gegen Atomwaffen. (Quelle: Atombulletin Nr. 11, Mai 1961, S. 2)

Eine ganz neue Dimension von Waffen

Warum aber machten sich Schweizer Aktivistinnen und Aktivisten in den 1960er Jahren die Mühe nach England zu fahren, um dort gegen Atomwaffen zu protestieren? Es gibt mehrere Antworten auf diese Frage. Grundlegend war, dass die Mobilität, also die Möglichkeit sich von einem Ort zum anderen zu bewegen und das auch über Ländergrenzen hinweg, in der Nachkriegszeit zunahm. Auch die Kommunikationswege wurden optimiert. Atomgegner in der Schweiz telegraphierten oder kommunizierten über den Postweg mit ausländischen Kollegen, die ähnliche Ziele verfolgten. Der wichtigste Grund für die internationale Vernetzung der Atomwaffengegner hängt aber mit der neuen Dimension dieser Waffen zusammen. Nukleare Kampfmittel waren anders als herkömmliche Waffen. Sie hatten eine viel stärkere Zerstörungskraft am Ort, wo sie eingesetzt wurden. Dies war der Welt spätestens im August 1945 klar geworden, als die Amerikaner zwei Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abwarfen und diese beiden japanischen Städte zerstört zurückliessen. 

Les champignons atomiques ignorent les frontières et font le tour de la planète!
Lucien Schwob

Während des Wettrüstens nach dem Zweiten Weltkrieg führten die USA und die Sowjetunion, später auch Grossbritannien und Frankreich, mehrere Testversuche mit Atombomben durch. Am 1. März 1954 zündeten die Amerikaner auf dem Bikini-Atoll die erste amerikanische Wasserstoffbombe (H‑Bombe). Diese Zündung führte zur Verstrahlung von vier bewohnten Inseln. Weil der Wind den radioaktiven Ausfall noch weitertrieb, wurden im Pazifik das japanische Fischerboot «Lucky Dragon» und dessen Besatzung verstrahlt. Mehrere Personen der Mannschaft verstarben an der Strahlenkrankheit. Vielen Menschen auf der ganzen Welt wurde in dieser Zeit bewusst, dass Atomwaffen aufgrund der radioaktiven Strahlung auch Orte und Menschen treffen konnten, die weit vom Einschlag der Bombe entfernt waren. Alles in allem waren diese neuen Waffen unberechenbar, der Wind machte ihre Wirkung zur Lotterie.

Protest über Sprach- und Ländergrenzen hinweg

Das Zitat aus dem Bulletin der Schweizer Atomwaffengegner deutet an, dass die Staatsgrenzen im Sicherheitsdenken damals an Bedeutung verloren und zwar gerade deswegen, weil Atombomben sich auf den ganzen Planeten auswirken konnten. Die bei einem Atombombeneinschlag freigesetzte Radioaktivität könnte Länder und Menschen treffen, die möglicherweise gar nicht an einem Krieg beteiligt waren. Deshalb betraf das atomare Wettrüsten der Grossmächte alle Nationen, egal welchem Mächtesystem – dem westlichen, kapitalistischen oder dem östlichen, kommunistischen – diese angehörten. Dieser Tatsache waren sich die Atomgegner bewusst, so dass sie versuchten, sich auch über Ländergrenzen hinweg zu organisieren. 

Das Ziel der Antiatombewegung war es, eine möglichst laute Stimme im politischen Kampf um die Frage der Atomwaffen zu werden. So überrascht es auch nicht, dass sich die «Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung» 1962 der «Europäischen Föderation gegen Atomrüstung» anschloss, in der weitere nationale Organisationen wie z. B. die CND vertreten waren. Am ersten Ostermarsch in der Schweiz, der 1963 von Lausanne nach Genf stattfand, marschierten neben Schweizerinnen und Schweizern aus allen Landesregionen auch ausländische Aktivisten und Aktivistinnen mit. Nicht nur die innerschweizerischen Grenzen zwischen den Sprachregionen, auch die Grenzen zwischen verschiedenen Ländern wurden bei diesen Friedensprotesten somit von den Aktivistinnen und Aktivisten überwunden.

Angst und Solidarität in Zeiten der Gefahr

Eine letzte vielleicht etwas überraschende Erklärung für die grenzüberschreitende Antiatombewegung liegt im Bereich von Gefühlen und Emotionen. Die Antiatombewegung weckte international das Bewusstsein, dass Atomwaffen eine Gefahr für die Menschheit bedeuteten. Die Berichte über das Wettrüsten der Grossmächte und insbesondere die Bilder und Nachrichten zu den Atomtests lösten grosse Angst in der Bevölkerung aus. Keine Staatsmacht, keine Grenzen schützten mehr vor diesen neuen Kampfmitteln. Daraus wird verständlich, warum die Atomwaffengegner versuchten, über die eigenen Landesgrenzen hinaus gegen Atomwaffen zu protestieren: Es ging ihnen nicht nur darum, dass ihr eigenes Land keine Atomwaffen besitzen sollte. Sie wollten, dass auch andere Länder auf Atomwaffen verzichteten und die Welt vor einer nuklearen Katastrophe bewahrt werden würde. Als Antwort auf die grenzüberschreitende Art der Atomwaffen bildete sich also auch eine grenzübergreifende Solidarität zwischen Menschen, die sich und die Welt vor den Auswirkungen dieser neuen Waffen schützen wollten.

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Eckdaten zur Frage der Atombewaffnung der Schweiz

Ende der 1950er Jahre wollte das Militär die Schweizer Armee mit Atomwaffen aufrüsten. Auch der Bundesrat sprach sich für eine Atombewaffnung der Schweiz aus. Diese Pläne, die Schweiz zu einer Atommacht zu machen, stiessen in der Bevölkerung auf Protest. Die Atomwaffengegner lancierten eine Volksinitiative, die «Atomverbotsinitiative». Diese Initiative wollte Atomwaffen in der Schweiz in der Bundesverfassung verbieten. Die Schweizer Stimmbürger (damals hatten die Frauen in der Schweiz noch kein Stimmrecht) lehnten die Initiative 1962 ab. Eine zweite Initiative der Sozialdemokratischen Partei (SP), die dem Volk das Entscheidungsrecht in der Frage der Atombewaffnung zusichern wollte, wurde ebenfalls abgelehnt. Das Stimmvolk überliess es dem Bundesrat und dem Parlament, ob die Schweiz Atomwaffen beschaffen sollte. Wie wir heute wissen, wurde die Schweiz nicht zu einer Atommacht. 1969 trat das Land dem Atomwaffensperrvertrag bei und verzichtete damit offiziell auf Atomwaffen.

Die Ostermärsche

Die Ostermärsche gehen zurück auf den «Aldermaston March», der 1958 vom Trafalgar Square in London zum «Atomic Weapons Research Establishment» in Aldermaston führte. Die Idee dieses mehrtägigen Marsches war es, während der Ostertage gegen das atomare Wettrüsten zu protestieren. Deutsche, die 1959 am Marsch in England teilgenommen hatten, übertrugen die Idee ein Jahr später auf die Bundesrepublik Deutschland. Weitere Aktivisten aus verschiedenen Ländern führten den Marsch gegen Atomwaffen und für Frieden während der Ostertage in ihrer Heimat ein. Sie bestimmten jeweils eine Route, die die Teilnehmenden absolvierten, und demonstrierten mit Plakaten, die das Friedenszeichen der CND trugen.

Literatur

  • Flam, Helena: Emotions and social movements, London 2005 (Routledge advances in sociology).
  • Heiniger, Markus: Die schweizerische Antiatombewegung 1958 – 1963. Eine Analyse der politischen Kultur, o. O. 1980.
  • Holger, Nehring: Die Proteste gegen Atomwaffen in der Bundesrepublik und Großbritannien, 1957 – 1964 – ein Vergleich zweier sozialer Bewegungen, in: Moving the Social. Journal of social history and the history of social movements, 31, 2004, S. 81 – 107.
  • Paul, Gerhard: Mushroom Clouds‘. Entstehung, Struktur und Funktion einer Medienikone des 20. Jahrhunderts im interkulturellen Vergleich, in: Paul, Gerhard (Hg.): Visual history. Ein Studienbuch, Göttingen 2006, S. 243 – 264.
  • Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947 – 1991. Broschierte Sonderausgabe, München 2011.

Zu Christina Wyttenbach

Christina Wyttenbach studierte im Bachelor Soziologie und im Master Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Ihre Masterarbeit schrieb sie zur Schweizerischen Bewegung gegen atomare Aufrüstung. In ihrer Dissertation untersucht sie die Entstehung von Beratungsstellen zu neuen religiösen Bewegungen in der Schweiz.