Dossier #2: Protest

Politische Mitsprache ist nicht genug!

Die neue Frauenbewegung in der Schweiz

Von Marion Knöpfel

«Das Private ist politisch!» Unter diesem Motto traten Frauen in der Schweiz in den 1960er/70er Jahren in die Öffentlichkeit. Dabei setzten sich die Aktivistinnen für weit mehr als die rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann ein.

«Frausein ist schön» – Über den Miss-stand in der Gesellschaft

Im Schweizerischen Zivilgesetzbuch von 1907, welches auch noch in den 1960er Jahren gültig war, steht festgeschrieben: Der Ehemann ist das Haupt der Familie. Er hat das Recht zu entscheiden, wo die Familie wohnt, während die Frau ihm in Rat und Tat zur Seite zu stehen hat und für die Führung des Haushaltes zuständig ist. Gegen diese Ungleichbehandlung kämpften junge Frauen in der Schweiz. Sie standen dafür ein, dass sie vor dem Gesetz und in der Gesellschaft als gleichberechtigt angesehen werden. Mit farbenfrohen, kreativen Aktionen versuchten die jungen Frauen den gesellschaftlichen Alltag zu stören. Durch medienwirksame Protestaktionen machten sie vermeintlich private Tabu-Themen öffentlich. So sprachen sie über Sexualität, Gewalt gegen Frauen und Kinder, den Schwangerschaftsabbruch oder auch die gemeinsame Arbeitsaufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung zwischen Mann und Frau. Um ihre Anliegen in die öffentliche Diskussion zu bringen, versuchten sie durch provozierende Aktionen aufzufallen. So nahmen beispielsweise im Februar 1969 in Zürich zahlreiche Frauen am traditionellen Fackelumzug des Schweizerischen Verbands für das Frauenstimmrecht teil. Dabei verkleideten sich die Aktivistinnen als Hausfrauen und Sexobjekte, um gegen das gängige Rollenbild der Frau zu protestieren. Gleichzeitig wollten sie aufzeigen, dass sie sich nicht nur für eine rechtliche, sondern für eine gesellschaftliche Gleichstellung einsetzten. Im Sommer, anlässlich der kantonalen Abstimmung zum Frauenstimmrecht im September 1969 in Zürich, veranstalteten die Frauen etwa Strassentheater, in denen humorvoll über die Aufteilung von Arbeit zu Hause zwischen Mann und Frau nachgedacht wurde. Zudem beschäftigten sich die Frauen mit der Frage, was Weiblichkeit und Frausein eigentlich bedeutete und ausmachte. Unter dem Motto «Frausein ist schön» stellten sie Misswahlen in Frage, da diese den Frauen vorschrieben, wie sie auszusehen und sich zu verhalten hätten. Am Limmatquai verteilten sie Flugblätter mit dem Slogan: 

«Wir lassen uns nicht durch Miss-Kronen, Miss-Schärpen und Miss-Orden über den Miss-stand in dieser Gesellschaft täuschen»

Die Aktion wurde durch eine Versteigerung von Kleidern begleitet. Mit dem Erlös kauften die Frauen einen Antibaby-Pillen-Automaten, den sie am Bellevue aufstellten. Frauen sollten so einen einfacheren Zugang zu Verhütungsmitteln erhalten. Gleichzeitig setzten die Aktivistinnen damit ein Zeichen, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen wollen.

Foto der Demonstration Marsch nach Bern von 1969

«Bundesrat, uf zur Tat!», rufen über 5`000 Frauen 1969 in Bern. Sie fordern das allgemeine Wahl- und Stimmrecht für Frauen. (Schweizerisches Sozialarchiv / Ringier Bilddienst: Zürich)

«Das bin nur ich» – oder ergeht es allen Frauen ähnlich?

Die neue Frauenbewegung in der Schweiz formierte sich in der 68er-Bewegung. Sie grenzte sich aktiv von der alten Frauenbewegung ab, die sich in erster Linie für die Einführung des Frauenstimmrechts eingesetzt hatte. Die jungen Frauen hingegen forderten eine Veränderung auf allen gesellschaftlichen Ebenen und verstanden sich als revolutionär. Die neue Frauenbewegung wurde von vielen verschiedenen Organisationen in der gesamten Schweiz mitgestaltet. Prominent waren darunter die Frauenbefreiungsbewegung (FBB), Le Mouvement pour la Libération des Femmes (MLF) oder Il Movimento Femminista Ticinese (MFT). Zur gesamtschweizerischen Koordination der Bewegung wurde zusätzlich die nationale Organisation für die Sache der Frau (OFRA) gegründet. Die verschiedenen Akteurinnen waren miteinander in Kontakt und organisierten zusammen Demonstrationen und Aktionen. Durch die gemeinsame Arbeit konnten sich Frauen vernetzen. Der Austausch über Herausforderungen im Lebensalltag und die Fragen, wie damit umgegangen werden sollte, verband sie miteinander. So entstanden an vielen Orten in der Schweiz Frauenzentren, Frauenräume und Frauenbibliotheken, wo sie Diskussionsabende und weitere Veranstaltungen organisierten. In Selbsterfahrungsgruppen konnten sich die Teilnehmerinnen über persönliche Erlebnisse austauschen. Eine FBB-Aktivistin erinnert sich, wie diese Gespräche sie veränderten:

«Also die persönliche Entwicklung war, dass ich gemerkt habe, dass meine Situation mit der Situation von Frauen generell zusammenhängt. Weil vorher, als ich so isoliert war, hatte ich das Gefühl, das bin nur ich und ich spinne ein bisschen.»

Die Treffen ermöglichten den Frauen zu erkennen, dass ihre individuellen Erfahrungen und Gedanken oft in einer ähnlichen Weise von anderen Frauen geteilt wurden. Ein wichtiges Thema war dabei auch die Sexualität. Geschlossene Zweierbeziehungen wurden hinterfragt und viele Paare begannen, mit offenen Beziehungsformen zu experimentieren. Auch das traditionelle Verständnis einer Beziehung zwischen Mann und Frau wurde diskutiert. Homosexuelle Frauen traten vermehrt in die Öffentlichkeit und forderten Rechte und Anerkennung in der Gesellschaft.

Im März 1969 trafen sich Tausende von Frauen in Bern und marschierten gemeinsam zum Bundeshaus. In allen vier Landessprachen forderten sie das Stimm- und Wahlrecht für Frauen auf nationaler und kantonaler Ebene. Sie argumentierten, dass das politische Mitbestimmen ein Menschenrecht darstelle, das allen Schweizerinnen ebenfalls zustehe. Schweizer Parlamentarier waren hingegen der Meinung, dass das Frauenstimmrecht eine moderne Erfindung sei, welche die älteste Demokratie Europas nicht nötig habe. Zwei Jahre später aber, am 7. Februar 1971, stimmten die Schweizer Männer über dessen Einführung ab. Mit einer Zweidrittelmehrheit wurde das nationale Frauenstimm- und Wahlrecht angenommen. Auf diese Entscheidung hin führten fast alle Kantone die politische Gleichberechtigung ebenfalls ein. In Appenzell Innerrhoden stellten sich die männlichen Stimmberechtigten dagegen. 1990 musste der Kanton schliesslich das Stimm- und Wahlrecht für Frauen ebenfalls einführen. Das Bundesgericht hatte entschieden, dass die Verweigerung der politischen Rechte für Frauen gegen die Verfassung und die Menschenrechte sprach.

«Das Frauenwahlrecht ist nicht genug!»

Da die neue Frauenbewegung aber nicht nur politische Gleichberechtigung forderte, protestierten die Frauen weiter. Ein wichtiges Thema war dabei die Frage der Abtreibung. 1971 lancierten sie eine Volksinitiative, die eine straffreie Abtreibung ermöglichen sollte. Da die Bundesversammlung die Idee ablehnte, zogen die Aktivistinnen ihre Initiative zugunsten einer neuen Initiative zurück, die eine Fristenlösung vorschlug. Eine Frist sollte eingeführt werden, bis zu welcher Woche eine Schwangerschaft legal abgebrochen werden darf. Als im Herbst 1975 die Bundesversammlung über die Forderung debattierte, verfolgten zahlreiche Aktivistinnen die Diskussion und kommentierten die Debatte lautstark. Mit Trillerpfeifen störten sie die Reden und zeigten ihre Wut über die sich im Parlament abzeichnende Ablehnung der Fristenlösung. Sie entrollten Transparente, um ihre Forderung nach strafloser Abtreibung sichtbar zu machen, und warfen nasse Windeln auf die Parlamentarier. Die Aktionen führten zwar zu einer breiten Medienberichterstattung, dennoch wurde die Vorlage in der anschliessenden Volksabstimmung von 51,7% der Stimmberechtigten abgelehnt. Die Fristenregelung (Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche) wurde schliesslich erst 2002 eingeführt.

Foto der Demonstration vom 8. März 1975 in Zürich

«Kinder oder keine, entscheiden wollen wir alleine». Demonstration vom 8. März 1975 in Zürich. (Schweizerisches Sozialarchiv / Christina Zilioli)

Fünf Jahre später, am 21. Januar 1980, reichte die OFRA eine weitere Initiative ein. Sie forderte, dass Frauen vom Staat finanzielle Unterstützung für die Arzt‑, Pflege- und Spitalkosten erhalten sollten, die im Zuge einer Schwangerschaft und Geburt anfielen. Zudem wollten sie für arbeitende Eltern einen Elternurlaub von neun Monaten nach Geburt des Kindes einführen. Die sogenannte Mutterschaftsinitiative wurde jedoch 1984 vom Volk mit 84.2% Nein-Stimmen klar abgelehnt.

«Wenn frau will, steht alles still»

Unter dem Slogan «Wenn frau will, steht alles still» organisierten 1991 Frauen einen nationalen Frauenstreiktag. Obwohl seit den 1970er Jahren viel Bewegung in die Diskussion rund um die Frage der Rolle der Frau in der Gesellschaft gekommen war, waren Frauen nach wie vor mit einer Fülle von diskriminierenden Zuständen konfrontiert. Nun forderten sie eine umfassendere Umsetzung des Gleichstellungsartikels, der seit 1981 in der Verfassung verankert war. Dieser besagt, dass Frauen und Männer in der Gesellschaft auf allen Ebenen genau gleichbehandelt werden müssen. Dem widersprach beispielsweise, dass Frauen für die gleiche Arbeit im Schnitt weniger Lohn erhielten als Männer. 

So legten am 14. Juni 1991 Hundertausende von Frauen ihre Arbeit nieder und gingen auf die Strasse. In der gesamten Schweiz protestierten Frauen gegen Diskriminierung und forderten Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit. Als Folge davon verabschiedete das Parlament im Juli 1996 schliesslich ein Ausführungsgesetz des Gleichstellungsartikels, der explizit die Diskriminierung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aufgrund des Geschlechtes verbietet. 

Am 14. Juni 2019 streikten erneut in der gesamten Schweiz Frauen und Männer für gleichen Lohn, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und gegen Sexismus. Die Forderungen der Frauen der 1960er Jahre haben also nach wie vor Bedeutung in der heutigen Zeit. Mehr als eine halbe Million Frauen und solidarische Männer beteiligten sich an den Protestaktionen, sodass der Streik als grösste politische Demonstration in die neuere Geschichte der Schweiz eingegangen ist.

Die neue Frauenbewegung

Die neue Frauenbewegung in der Schweiz wurde Mitte des 20. Jahrhunderts von zahlreichen jungen Frauen aus dem linken Milieu getragen. Sie wird als grösste neue soziale Bewegung bezeichnet, die mit ihren Forderungen neue soziale Lebenswelten gestalten wollte. Im Gegensatz zur alten Frauenbewegung, die sich in den 1920er Jahren formiert hatte, forderten sie nicht nur politisches Mitspracherecht, sondern verlangten eine gesamtheitliche Veränderung aller Lebensbereiche. Die Frauen kämpften für eine Veränderung des Systems, nicht für eine Veränderung innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung. 

Ende der 1990er Jahre veränderte sich die Bewegung immer mehr. Die Frauen begannen sich vermehrt in Parteien und festen Strukturen zu organisieren oder gliederten sich in bestehenden Organisationen ein. Dadurch verlor die Bewegung ihren revolutionären Charakter, was das Ende der neuen Frauenbewegung in der Schweiz bedeutete. Dies heisst aber nicht, dass der Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter vorbei wäre. Die zeigt sich nicht nur am grossen Frauenstreik von 2019, sondern auch an Initiativen wie die Revision des Gleichstellungsgesetzes oder der Einführung eines Vaterschaftsurlaubs.

Bilder und Literatur

Kunz, Barbara: Von der Rebellion zur Emanzipation : Zürcher 68erinnen erinnern sich. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte = Revue suisse d’histoire = Rivista storica svizzera, 57, 2007, S. 272 – 295.

o. N.: Marsch nach Bern 1969, Bern 1969, Schweizerisches Sozialarchiv, F_7000 Sammelbestand Fotografie, Signatur: F Fc-0004 – 02. © Ringier Bilddienst: Zürich. Online: https://​www​.bild​-video​-ton​.ch/…

Schulz, Kristina et al.: Frauenbewegung. Die Schweiz seit 1968. Analysen. Dokumente. Archive, Baden 2014.

Witzig, Heidi: Alte und Neue Frauenbewegung – Ein Vergleich. In: Historischer Verein des Kantons St. Gallen (Hg.), Neue Frauenbewegung, 145. Neujahrsblatt, St. Gallen 2005, S. 9 – 12.

Zilioli, Christina: «Kinder oder keine, entscheiden wollen wir alleine». Demonstration vom 8. März 1975 in Zürich, Zürich 8. März 1975, Schweizerisches Sozialarchiv, F_5060 Frauenbefreiungsbewegung Zürich (FBB) — Autonomes Frauenzentrum Zürich, Signatur: F 5060-Fb-005. © Christina Zilioli. Online: https://​www​.bild​-video​-ton​.ch/…

Zu Marion Knöpfel

Marion Knöpfel hat im Bachelor an der Universität Freiburg Zeitgeschichte studiert und anschliessend den Master European Global Studies der Universität Basel abgeschlossen. Sie arbeitet als Hochschulpraktikantin beim EDA in der Direktion für europäische Angelegenheiten.