Dossier #2: Protest

Kleines Buch – Grosser Aufschrei

Stéphane Hessel: Sein Leben und sein Aufruf zum Protest

Von Milena Kessler

Stéphane Hessel beeinflusste 2010/11 mit seinem Buch Proteste weltweit. Dieses war aber nur ein Abschnitt im Leben des damals 93-Jährigen. Seine Geschichte führte durch Migration, den Widerstand gegen die Nazis, Konzentrationslager und den Einsatz für die Menschenrechte.

Er wehrte sich gegen die Nationalsozialisten – und gegen den Finanzkapitalismus. Er setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für Menschenrechte ein – und nach der Eurokrise. Er inspirierte eine ganze Generation junger Demonstrant*innen – und das im Alter von 93 Jahren. Er starb im Februar 2013 – und bereits einmal im Oktober 1944. Das Leben dieses Mannes war so vielfältig wie das Jahrhundert, in dem er lebte. Sein Name: Stéphane Hessel.

Wir schauen auf das Jahr 2011. Der Ort: Städte in der ganzen Welt. In Spanien, Portugal, Griechenland, Israel und den USA gingen die Leute auf die Strasse, um zu demonstrieren. Sie wehrten sich gegen hohe Arbeitslosigkeit, gegen die immer grösser werdende Schere zwischen Arm und Reich, gegen überteuerte Mieten und gegen die negativen Folgen des Finanzkapitalismus. Letzterer wirkte sich seit der Finanzkrise von 2008 und der Eurokrise besonders auf das Leben der Menschen aus. Aber auch Tunesien, Ägypten, Syrien und Marokko erfuhren Protestwellen in nie dagewesenem Ausmass. Diese prägten sich unter dem Begriff «Arabischer Frühling» in das Gedächtnis der Welt ein. Sie forderten primär mehr Menschenrechte in den jeweiligen Ländern. Die weltweiten Protestbewegungen 2011/2012 hatten unterschiedliche Ursachen und Folgen. Viele teilten aber den Grundgedanken eines kleinen, 31 Seiten dünnen Buches.

Was aber hat ein damals 93-jähriger Mann mit freundlicher Stimme und einer Vorliebe für Gedichte mit diesen Protestwellen zu tun? Ganz einfach: er schrieb eben dieses 31 Seiten umfassende Buch mit dem Titel «Empört Euch!». Es wurde in über 40 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft – und machte Stéphane Hessel berühmt. Dieser überraschende Erfolg steht am Schluss einer langen und spannenden Geschichte. Ein roter Faden zieht sich durch Hessels Leben wie kein ein anderes Thema: Der Widerstand gegen Ungerechtigkeit.

Fotografie von Stéphane Hessel.

Stéphane Hessel war nicht nur ein Zeitzeuge des Holocausts, sondern auch im hohen Alter ein Akteur seiner Zeit, wenn es um Menschenrechte und gesellschaftliche Missstände ging. (Superbass / CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons.)

Der Weg ins KZ – und wieder hinaus

1917 wurde Stéphane in Berlin geboren, die Familie zog aber bald nach Paris. Dort besuchte Stéphane die Schule und wurde 1937 als Franzose eingebürgert. Im Jahr 1939 wurde er ins Militär eingezogen, doch die französische Armee löste sich nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht 1940 auf. Daraufhin flüchtete Stéphane über Südfrankreich nach London, um sich dem Widerstand unter Charles de Gaulle anzuschliessen. Dort war er in der Spionageabteilung tätig. Unter dem Decknamen «Greco» ging Stéphane 1944 zurück nach Paris. Seine Mission war es, das beschädigte Funknetz der Résistance wiederaufzubauen. Doch die deutsche Gestapo verhaftete ihn am 10. Juli 1944 und folterte ihn wochenlang. Am 8. August wurde er zusammen mit weiteren politischen Gefangenen und französischen Offizieren in einem Eisenbahnwagen deportiert. Der Zug brachte sie ins Konzentrationslager Buchenwald.

Im Lager erlebte Stéphane die erniedrigende und menschenunwürdige Behandlung durch die Nazis. Täglich erfuhren die Gefangenen Hunger, Gewalt und den Tod ihrer Mitinsassen. Dass seine Gruppe nicht zu schwerer Arbeit eingeteilt wurde, verhiess nichts Gutes – einige seiner Mithäftlinge wurden bald darauf erhängt. Um diesem Schicksal zu entgehen, kontaktierte ein Freund von Stéphane den internen Lagerwiderstand. In einer gefährlichen Aktion wurden die Namen dreier Gefangenen mit den Namen von Toten gewechselt. Stéphane Hessel’ starb laut Papier am 20. Oktober 1944. Er lebte aber unter dem Namen Michel Boitel – der an Typhus gestorben war – weiter. Sein Weg führte über das KZ Rottleberode und einen gescheiterten Fluchtversuch schliesslich ins KZ Mittelbau-Dora. Dort kämpfte Stéphane ums Überleben, während der Krieg weiter fortdauerte und die Alliierten vorrückten. Am 5. April 1945 räumte die SS das Lager und deportierte die Gefangenen im Zug Richtung KZ Bergen-Belsen. Stéphane gelang die Flucht aus dem Zug und er kam schliesslich am 8. Mai 1945 in Paris an – am gleichen Tag als Nazideutschland kapitulierte.

Diplomatie im Auftrag der Menschenrechte

Sein Talent für Sprachen und Verhandlungen hatten Stéphane geholfen, die Schrecken des Konzentrationslagers zu überleben und zu seiner Familie zurückzukehren. Nun wollte er diese Fähigkeiten in den Dienst seines Landes stellen und trat 1946 in die Diplomatie ein. Stéphane, der unter den Nationalsozialisten selbst Opfer von Menschenrechtsverletzungen geworden war, bekämpfte sie von da an. Hessel arbeitete bei der UNO in New York. Dort wirkte er an der Verfassung der «Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte» mit, welche 1948 in Paris unterschrieben wurde. Als Diplomat war er unter anderem in Algerien während der Entkolonialisierung tätig. Ab 1996 kämpfte er in Frankreich für die Rechte der «Sans-Papiers». Zudem setzte er sich für die Palästinenser*innen in den besetzten Gebieten ein. Gegen Ende des Jahrhunderts veröffentlichte er mehrere Bücher über sein Leben und sein Engagement, führte aber kein Leben im Rampenlicht.

Fotografie des Buches "Empört Euch!" von Stéphane Hessel.

Stéphane Hessels 31 Seiten dünnes Buch «Empört Euch!» inspiriert Demonstrant*innen weltweit.

Hessel als Inspiration – «Empört Euch!» als Streitschrift

«Indignados! Indignados!» rief die Menschenmenge in den Strassen von Madrid. «Los Indignados» – auf Deutsch «Die Empörten» – war nur eine von vielen Protestbewegungen in Europa. Aber warum waren diese Leute empört? 2008 kam es zur weltweiten Finanzkrise. Infolge Spekulationen auf dem US-Immobilienmarkt brach die Wirtschaft zusammen. Mehrere Grossbanken wurden zahlungsunfähig und die immense Verschuldung ganzer Länder kam zum Vorschein. Es folgte die Eurokrise: Viele Länder mussten enorme Sparmassnahmen ergreifen, um nicht noch tiefer in den Schulden zu versinken. Hohe Arbeitslosigkeit, Einsparungen im Gesundheits- und Bildungssystem und viele weitere Auswirkungen sind bis heute spürbar.

Hier setzt die Geschichte des kleinen Buches ein. Der Abbau von Sozialleistungen auf der einen Seite und die Rettung von Banken – welche durch ihre Geschäfte die Finanzkrise mitausgelöst hatten – empörten Hessel. Der redegewandte Diplomat trat auf verschiedenen Veranstaltungen auf und verkündete seine Position. Aus diversen Reden setzte seine Verlegerin Sylvie Crossman die 31 Seiten für «Empört Euch!» zusammen und veröffentlichte sie nach Hessels Absegnung. Der kleine Verlag Indigène publizierte am 20. Oktober 2010 das Buch «Indignez-vous!», wie es im Originaltitel heisst. Das ca. 3 Euro teure Heft wurde überraschend zum Kassenschlager.

Hessel ruft in «Empört Euch!» dazu auf, sich an die Werte und Ziele der Résistance zu erinnern. Denn obwohl wir uns nicht gegen eine Nazidiktatur wehren müssen, gibt es genügend Gründe für Empörung: Menschenrechtsverletzungen, die Unterschiede zwischen Arm und Reich und die Umweltzerstörung. Jeder einzelne hat eine Verantwortung für die Welt, und so meint Hessel es auch, wenn er schreibt:

«‹Ohne mich› ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann. Den ‹Ohne mich›-Typen ist eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement.»
aus «Empört Euch!» von Stéphane Hessel, 2011

Die Aufforderungen des Buches sind vage, die Aussagen allgemein gehalten. Und genau darum fand es grossen Anklang: Seine Anklage gegen wirtschaftliche und soziale Missstände traf den Nerv der Zeit. Protestbewegungen formierten sich in ganz Europa – auch ohne den Aufruf von Hessel. Viele beriefen sich aber auf den Autor. Die spanische Protestbewegung «Movimiento M15» (benannt nach ihrem Anfangsdatum, dem 15. Mai 2011) war bald unter dem Namen «Indignados» bekannt. Hessels Thesen und der Aufruf zur Empörung waren auf Schildern in ganz Europa zu lesen. In den USA formte sich die Bewegung «Occupy Wall Street» zwar schon vor Hessels Publikation. Sein Buch verkaufte sich dort aber ebenso gut wie in Europa und seine Aussagen wurden schnell aufgenommen. Ähnlich verhielt es sich im «Arabischen Frühling». Die Leute wurden nicht durch das Buch auf ihre Missstände aufmerksam gemacht, aber viele teilten Hessels Ansichten. Insbesondere sein Schlusswort:

«Neues schaffen heisst Widerstand leisten. Widerstand leisten heisst Neues schaffen.»
aus «Empört Euch!» von Stéphane Hessel, 2011

«Empört Euch!» wurde zur Protestschrift einer ganzen Generation. Und Hessel wurde quasi über Nacht zum Medienstar. Fernsehsendungen, Interviews und Zeitungsartikel beschäftigten sich mit ihm. Er veröffentlichte 2011 eine Fortsetzung mit dem Titel «Engagiert Euch!», in der er die junge Generation noch deutlicher zum Engagement aufforderte. Stéphane Hessel löste die Protestbewegungen nicht aus – dies taten die Missstände in der Gesellschaft. Aber Hessel nutzte die Gunst der Stunde, um seine Meinung einem breiteren Publikum darzulegen. Und dieses nahm seine Aussagen auf. Der ehemalige Résistance Kämpfer, KZ-Häftling und Diplomat wurde im letzten Kapitel seines Lebens zum Stichwortgeber einer Protestwelle. Der Rolle als Verfechter der Menschenrechte, des sozialen und politischen Protests blieb Stéphane Hessel bis zu seinem Tod im Februar 2013 treu. Sein Leben wurde nicht nur von Protest und Widerstand geprägt, er prägte auch die Proteste dieser Welt.

Die französische Résistance

Nach der Eroberung Frankreichs setzte das deutsche Naziregime seine Politik auch im Nachbarland durch. Gewalt, Überwachung und Deportationen prägten nun das Leben der Franzosen. Im Norden herrschten die Besatzer, im Süden etablierte sich das Vichy Regime. Dieses war zwar formell unabhängig, arbeitete aber eng mit Nazideutschland zusammen. Dagegen regte sich in der französischen Bevölkerung Widerstand. Es entstanden viele unabhängige Gruppen, die mit verschiedenen Mitteln gegen diese Politik ankämpften. Von Flugblättern und Informationsbeschaffung über Radios, bis zum Verstecken von Juden oder militärischen Missionen übte die Résistance Widerstand aus. Charles de Gaulle – der spätere Regierungschef Frankreichs – baute in London eine Exilregierung auf. Von dort aus versuchte er, die verschiedenen Widerstandsorganisationen in Frankreich zu einen und zu koordinieren. 1943 schlossen sich alle grösseren Gruppen zum Conseil National de la Résistance’ zusammen. Obwohl sich nur eine Minderheit der französischen Bevölkerung der Résistance anschloss, war sie eine Massenbewegung. Sie unterstützte die Alliierten bei der Eroberung Frankreichs und leistete einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen das nationalsozialistische Regime.

Literatur

Antentas, Josep Maria; Vivas, Esther: Planeta indignado. Die Welt der Empörten: Ursachen und Perspektiven, Köln 2014

Flügge, Manfred: Stéphane Hessel – ein glücklicher Rebell, Berlin 2012

Hessel, Stéphane: Empört Euch!, Berlin 201113.

Hessel, Stéphane: Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen, Berlin 2011.

Hessel, Stéphane; Vanderpooten, Gilles: Engagiert Euch!. Stéphane Hessel im Gespräch mit Gilles Vanderpooten, Berlin 20112.

Liebig, Manuel: Die «Empörten» in Bewegung. Soziale Proteste in Spanien und Ihre Transnationalisierung durch Migration, Abschlussarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 2018.

o. A.: Résistance, Brockhaus Enzyklopädie. Online: <https://​brockhaus​.de/​e​c​s​/​perma…;, Stand: 27. Januar 2020

o. A.: Stéphane Hessel, Brockhaus Enzyklopädie. Online: <https://​brockhaus​.de/​e​c​s​/​perma…;, Stand: 25. Januar 2020

o. A.: Subprimekrise, Brockhaus Enzyklopädie. Online: <https://​brockhaus​.de/​e​c​s​/​perma…;, Stand: 25. Januar 2020

o.A.: Euro-zone debt crisis, Encyclopaedia Britannica. Online: <https://​academic​.eb​.com/​l​evels…;, Stand: 25. Januar 2020

Roose, Jochen; Sommer Moritz; Scholl Franziska (Hg.): Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise. Protest, Resilienz und Kämpfe um Deutungshoheit, Wiesbaden 2018 (Bürgergesellschaft und Demokratie).

Links

Beitrag im Echo der Zeit, SRF: Stéphane Hessel: «Indignez-vous!», 31.12.2011.

Beitrag in der Sternstunde Philosophie, SRF: Stéphane Hessel: «Empört und engagiert Euch», 19.06.2011.

Zu Milena Kessler

Milena Kessler studiert im Master Zeitgeschichte und Germanistik an der Universität Freiburg. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der Geschichte des Holocausts sowie der Geschichts- und Geopolitik im 20. und 21. Jahrhundert.