Dossier #2: Protest

Ein Rebell unter den Hippies

Wie die «Jesus Freaks» in Zeiten des Jugendprotests neue Gläubige fanden

Von Christina Wyttenbach

Als die Hippies in Kalifornien auf ihrem kulturellen Höhepunkt angelangt waren, formierte sich eine neue Bewegung von jungen Christen und Christinnen: die Jesus People. Sie nutzten Mittel des Protests, um neue Anhänger und Anhängerinnen zu gewinnen.

Jesus soll die Welt befreien

Studierende in freakigen Kleidern stehen einem Polizeiaufgebot in Schutzausrüstung gegenüber. Eine Aluminiumdose fliegt durch die Luft, kurz darauf explodiert ein Tränengaskanister. Wie eine Welle schwappt die protestierende Menge auf die Mauer von Polizisten zu und wird von dieser wieder zurückgedrängt. Es ist kurz vor Mittag an einem Tag im Februar 1969, als Jack Sparks zusammen mit seinen Freunden Pat und Carri auf dem Berkeley-Campus der Universität von Kalifornien eintrifft und sich unter die Aktivist*innen der Third World Liberation Front mischt. So erzählte es Sparks 1974 in seinem Buch God’s Forever Family.

Die Befreiungsfront für die Dritte Welt’, wie man sie auf Deutsch nennen könnte, war eine Studentenorganisation an der San Francisco State University und an der University of California, Berkeley. Sie wurde von mehreren Studentenverbindungen, darunter die afroamerikanische Black Students Union, ins Leben gerufen. Mit der Third World Liberation Front setzten sie sich für die Einführung eines neuen Instituts für Ethnic Studies ein und forderten mehr Plätze für nicht-weisse Studierende. Mitten unter den Protesten für diese Anliegen fanden sich Jack, Carri und Pat nun im Februar 1969 wieder. Die drei waren aber nicht etwa linke Studierende, die auf dem Campus der Universität gegen Rassismus kämpften. Jack, Carri und Pat verfolgten weniger politische als viel mehr religiöse Ziele. Die Gruppe gehörte zu den Jesus People. Die Jesus Freaks, wie sie auch genannt wurden, waren eine junge religiöse Bewegung, die just zu der Zeit ihre Blüte erlebte, als die Hippies an der Westküste der USA zum Phänomen der Gegenkultur wurden: Einer Kultur, die gegen die gewohnten Regeln der Gesellschaft rebellierte, wie sich dies auch in den Studentenprotesten der Third World Liberation Front zeigte. Als junger Mathematik-Dozent war Jack von der Ostküste nach Kalifornien geflogen, um mitten im Aufruhr der Studierenden für Jesus zu werben. Zusammen mit seinen Mitstreitenden gründete er eine neue Organisation mit dem Namen Christian World Liberation Front. Der Name, eine Anspielung auf die Third World Liberation Front, war Programm: Sie wollten die Welt mithilfe von Jesus befreien.

Erste Bekehrungen auf dem Hippie-Hügel

Ihren Anfang hatte die Bewegung der Jesus People in Haight-Ashbury, einem Viertel in San Francisco, genommen. 1967 noch feierten die Hippies dort auf ihrem kulturellen Höhepunkt den Summer of Love. Der Song San Francisco von Scott McKenzie ging als Hymne in die Geschichte der Bewegung ein und beschwor das Bild von jungen Menschen voller Liebe und Friedfertigkeit mit Blumen in den Haaren:

«If you’re going to San Francisco, Be sure to wear some flowers in your hair. If you’re going to San Francisco, You’re gonna meet some gentle people there.»
Song San Francisco (Be Sure To Wear Some Flowers In Your Hair) von Scott McKennzie, 1967

Doch bereits kurz nach dem Sommer der freien Liebe, der Rockmusik und nicht zuletzt auch der Drogen machten sich die Kehrseiten dieses Lebensstils bemerkbar. Die Blumen waren verwelkt, Haight-Ashbury zu einem Ort des Zerfalls, der Gewalt und Krankheit geworden, so das Magazin Time im Mai 1968. Auf dem Hippie-Hügel, der 1967 regelrecht von jungen Menschen überrannt worden war, herrschte Wohnungsnot, die Menschen hatten nicht genug zu essen.

In dieser Situation richtete eine Gruppe von frisch bekehrten Christen und Christinnen an der Page Street einen Missions-Raum ein. Vom Living Room aus, wie sie ihren kleinen Laden nannten, boten sie den vorbeiziehenden Jugendlichen Kaffee oder eine heisse Suppe an und lasen ihnen aus dem Neuen Testament vor. Die Missionare und Missionarinnen an der Page Street kamen in dieser Zeit mit tausenden von jungen Menschen in Kontakt. Waren die Jesus People 1968 noch vorwiegend ein Phänomen des Bundesstaates Kalifornien gewesen, so entstanden im Übergang zum Jahr 1969 verschiedenste christlich-religiöse Kommunen in den ganzen USA, alle mit eigenen Ausprägungen. Die Bewegung verbreitete sich bis nach Europa und auch in die Schweiz, blieb hierzulande jedoch eine Randerscheinung. In ihrem Glauben standen die Jesus People der evangelikalen Bewegung nahe, die meist eine wortgetreue Auslegung der Bibel befürwortet.

Wie die Faust aufs Auge

Doch wie passten sex, drugs and rock n’ roll mit den strengen Glaubenspraktiken der evangelikalen Bewegung zusammen? Wie schafften es die Jesus People gerade in dieser Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, Menschen für ihren Glauben zu gewinnen? Die Drogenexzesse der Gegenkultur, die freie Liebe, die dann doch nicht immer so frei war, die Rockmusik mit ihren Idealisierungen des wilden Lebens, das passte irgendwie gar nicht zu christlichen Glaubensvorstellungen wie Monogamie, «kein Sex vor der Ehe», Konsum von Alkohol nur im Mass und härtere Drogen auf keinen Fall. Doch so grundverschieden wie diese beiden Gruppen auf den ersten Blick aussahen, waren sie vielleicht gar nicht. 

Prediger, die Ende der 1960er-Jahre auf die Strassen gingen, um die Hippies in ein Gespräch über Jesus zu verwickeln, hatten zuvor oftmals selbst den Lebensstil der Gegenkultur gepflegt. Zahlreiche Mitglieder der Jesus People erzählen etwa, wie sie sich auf einem LSD-Trip zum christlichen Glauben bekehrten. Auf der anderen Seite passten sich Missionare und Missionarinnen für ihre Arbeit in Haight-Ashbury bewusst dem Lebensstil und den Ausdrucksformen der Hippies an. Die Christian World Liberation Front ist ein gutes Beispiel dafür. Jack Sparks liess sich in Berkeley nicht nur einen Bart wachsen und tauschte seinen Herrenanzug gegen lässige Kleider. Er und seine Freunde suchten auch nach einer Strategie, um die protestierenden Studierenden mit deren eigenen Mitteln von Jesus zu überzeugen. Das Resultat war die Gründung einer Untergrund-Zeitschrift mit dem Namen Right On!. Dieses Blatt reihte sich in eine Vielzahl von Schriften ein, die zu dieser Zeit unter der rebellierenden Jugend die Runde machten und in denen politische und gesellschaftliche Themen debattiert wurden. Wie andere Zeitschriften, so beschäftigte sich auch Right On! mit Rassismus, Ökologie und der Frauenbewegung. Gleichzeitig flochten die Autoren und Autorinnen aber ebenso ihre biblische Sicht auf das Weltgeschehen in die Beiträge ein. 

Poster mit grafischer Darstellung eines Mannes mit langen Haaren und Bart. Bildüberschrift: «Wanted: Jesus Christ».

«Gesucht wird: Jesus Christus» - Das Poster wurde erstmals 1969 in der Zeitschrift «Right On!» veröffentlicht. Right On! war der Vorgänger des Radix Magazins, welches bis heute publiziert wird. (Radix Magazin)

Besonders stark kommt diese Verbindung der Hippie-Kultur und der christlichen Botschaft auf dem Poster Wanted: Jesus Christ zum Ausdruck. Das Plakat, erstmals im Right On! von 1969 abgedruckt, wurde zu einem bekannten Sinnbild der Jesus Freaks. Jesus ist darauf als gefährlicher, gesuchter Mann im Hippie-Look – mit Bart und langen Haaren – dargestellt. Der Sohn Gottes und Friedensprinz sei der berüchtigte Führer einer Befreiungsbewegung und werde für verschiedene Taten gesucht: So etwa dafür, dass er sich mit Kriminellen, Radikalen, Prostituierten und Obdachlosen umgebe. Der König der Könige würde in Slums herumhängen, habe nur wenige reiche Freunde und schleiche oft in die Wüste hinaus. Das Plakat warnt – nicht ohne einen ironischen Unterton – dieser Mann sei extrem gefährlich und seine Botschaft reisse junge Menschen so sehr mit, dass er sie verändern und befreien würde:

«BEWARE – This man is extremely dangerous. His insidiously inflammatory message is particularly dangerous to young people who haven’t been taught to ignore him yet. He changes men and claims to set them free.»
Poster «Wanted Jesus Christ» in der Zeitschrift Right On! Nr. 2, 1969

Die Geschichte von Jesus Christus, wie sie im Neuen Testament erzählt wird, findet in dieser Beschreibung Anschluss an die Jugend der späten 1960er-Jahre, die sich in vielem vom bisherigen Mainstream abzugrenzen versuchte. Die Jesus People deuteten Bibel-Geschichten, wie etwa die Begegnungen Jesus’ mit ausgegrenzten Menschen, neu. Sie erhoben Jesus zum Rebellen und machten ihn damit zu einer Identifikationsfigur für die Hippies. Die Botschaft an die Kirchen und ihre Anhänger war klar: Ein Gottesdienstbesuch sollte von da an auch in Jeans und barfuss möglich sein. Man sollte so kommen dürfen, wie man war — äusserlich, aber auch innerlich. 

Was von den Jesus People blieb

Nicht alle Vertreter des evangelikalen Glaubens waren mit diesem Bild von Jesus und mit den unkonventionellen Strategien der Jesus People einverstanden. Dennoch begannen einige Pfarrer etablierter Kirchen in dieser Zeit aktiv mit Exponenten der Jesus People zusammenzuarbeiten, um gemeinsam junge Menschen für den christlichen Glauben zu begeistern. Während die Missionare und Missionarinnen auf der Strasse und an den Universitäten, wie Jack Sparks, das Geschick mitbrachten, die Sprache der jungen Menschen zu sprechen, boten etablierte Kirchen finanzielle Mittel und Räume für die Mission. Die Bewegung der Jesus People als solche verlor in den 1970er-Jahren jedoch rasch an Bedeutung. Die junge Generation der 1960er-Jahre wurde älter und begann mehrheitlich ein ähnliches Berufs- und Familienleben zu führen wie ihre Elterngeneration. Trotz dieser Anpassung an bestehende Werte hatten die Jesus People eine langanhaltende Wirkung auf die evangelikale Bewegung. Was von den Jesus Freaks blieb, war eine neue Kultur, die sich sowohl im Erfolg der christlichen Rockmusik zeigte als auch in neuen Modeartikeln wie Autoaufkleber, T‑Shirts oder Bikinis, die mit dem Namen Jesus versehen waren. Die Jesus People forderten Vertreter traditioneller Kirchen in ihren Vorstellungen des Christ-Seins heraus, und zwar gerade deshalb, weil sie Mitglieder einer rebellierenden Generation für sich gewinnen konnten. Gleichzeitig floss die Jesus People-Bewegung in den USA ab Ende der 1970er-Jahre auch in eine entstehende konservative politische Strömung, diejenige der religiösen Rechten, ein.

Gegenkultur

Die Hippies werden auch als Phänomen der Gegenkultur bezeichnet. Mit Gegenkultur ist eine Lebensweise gemeint, die sich von den Werten und Normen des Mainstreams – also von den geltenden Gewohnheiten und Regeln – absetzt. In der Gegenkultur der 1960er- und 1970er-Jahre zeigte sich diese Abgrenzung beispielsweise in einem neuen politischen Engagement gegen Krieg, Sexismus, Rassismus und soziale Ungleichheit, aber auch im Ausprobieren neuer Lebensformen, Moden, Kunst und Musik. Die Bewegung der Hippies setzte sich mehrheitlich aus jungen Leuten der weissen Mittelschicht zusammen. Die Hippies waren denn auch nur ein Teil der breiten Gegenkultur zu dieser Zeit, zu der unter anderem auch die Bürgerrechts- und die Antikriegsbewegung gezählt werden.

Evangelikale Bewegung

Die Evangelikale Bewegung ist eine breite christliche Strömung innerhalb des Protestantismus, deren Anfänge auf das 18. Jahrhundert zurückgehen. Zur Evangelikalen Bewegung gehören sowohl Angehörige der protestantischen Landeskirchen als auch charismatische und pfingstlerische Gemeinschaften sowie Gläubige, die dem christlichen Fundamentalismus zuzuordnen sind. Da die Bewegung sehr divers ist, gibt es keine einheitliche theologische Auslegung. Viele Gemeinschaften legen jedoch besonderen Wert auf die Beziehung des Einzelnen zu Jesus Christus, an deren Anfang häufig ein persönliches Bekehrungserlebnis steht. Das Wirken des Heiligen Geistes wird besonders in Pfingstgemeinden hervorgehoben. Die meisten evangelikalen Gemeinschaften betonen zudem eine wortgetreue Auslegung der Bibel.

Literatur

Eskridge, Larry: God’s forever family: the Jesus People movement in America, New York 2013.

Shires, Preston: Hippies of the religious right, Waco Tex 2007 [2006].

Sparks, Jack: God’s forever family, Grand Rapids 1974.

Swartz, David R.: Moral minority. The evangelical left in an age of conservatism, Philadelphia 2012.

Links

Song «San Francisco» von Scott McKenzie

Zu Christina Wyttenbach

Christina Wyttenbach studierte Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. In ihrer Dissertation am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern untersucht sie die Geschichte von Informations- und Beratungsstellen zu neuen religiösen Bewegungen in der Schweiz seit den 1960er-Jahren.